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2012-1

Verkehr als Gesellschaftsrisiko – ein Trucker in der Politischen Runde

Er hat studiert aber nicht bis zum Abschluss, hat sich in den 80ern eine Lizenz für LKW gekauft und ist dann „immer wieder auf den Bock gestiegen.“ Immer wieder ist er für so genannte „illegale“ Speditionen gefahren, hat Grenzen und Gesetze überschritten. Zwischenzeitlich hat er sich beim Hessischen Rundfunk als Journalist versucht und dort auch erfolgreiche „Formate“ verantwortet. Und dann ist er doch wieder zurück auf „den Bock“. Der Trucker Jochen Dieckmann sah ohne Studienabschluss keine Karrierechancen als Journalist.

„Geschlafen wird am Monatsende“. Sein Buch über „den alltäglichen Wahnsinn auf Europas Straßen“ ist die Gesprächsgrundlage für den gestrigen Abend in „der Runde“ mit Stefan Seitz. Sein Motiv: „einfach nur erzählen, wie es war.“ Und er erzählt. Von den schwarzen Schafen des Gewerbes, von Lenkzeitüberschreitungen, von gefährlichen Mängeln am LKW, von korrupten Kontrolleuren, scharfen ukrainischen Grenzern, stundenlangen Aufenthalten im Niemandsland zwischen Ungarn und Ukraine und überforderten Polizisten. Und vom „Hass“ der PKW-Fahrer auf die Brummis. „Die Menschen wollen die Waren, aber nicht den Transporteur.“ Ein irrationales Verhältnis. Das Leben „in der Blechkiste“ ist hart, das Verhalten der Fahrer häufig illegal. Aus ökonomischem Druck und aufgrund schlechter Bezahlung. 1800 – 2000€  Einstiegsgehalt, im Osten deutlich weniger und brutto. Wenn man Glück hat, wird am Monatsende auch gezahlt. Nicht selten kann der betrügerische Subunternehmer aber gar nicht zahlen. Vieles wird über Spesen, Zulassungen, Prämien abgeglichen: bizarre Ausbeutungsverhältnisse, „frühkapitalistisch“. „Gewerkschaft kümmert sich nicht wirklich. Wir sind nicht gewollt, weil angeblich sozial entfremdet.“ So Dieckmann. Tatsächlich ist der Organisationsgrad der Trucker ausgesprochen niedrig. Viele Individualisten, Einzelkämpfer gegen die übermächtigen Strukturen des Marktes. „Sicherheit“ – ein zentraler Wertbegriff der Gesellschaft kann aber nicht den Spielregeln des „freien Marktes“ überlassen bleiben. Das ist Konsens. Der regelnde Staat ist mehr denn je gefragt: Risiken minimieren, Rücksicht auf die Sicherheit anderer wecken… auch und gerade im Verkehr. Die Realität ist eine andere: Zeitdruck als ökonomischer Effekt des Systems. Freier Markt versus Verkehrssicherheit. Sinnlose Frachten „just in time“ quer durch Europa. Die denkbare Alternative: Mehr auf die Bahn? Sie scheitert an den strukturellen Defiziten der Bahn. Noch. Dieckmann sieht Licht am Ende des Tunnels. Die „Zahl der weißen Schafe“ wachse. Ein Bewusstseinswandel als Basisprozess greife allmählich und gaaaaanz langsam, aber spürbar. Und er berichtet von den zahlreichen „hoch korrekten Unternehmen“, den legalen. Auch von Anfeindungen „legaler Fahrer“. „Hättest Du nicht mitmachen müssen!“ Doch, musste er. Seine Alternative: Fahren unter illegalen Bedingungen oder HartzIV. Klar, dürfe man nicht  alle über einen Kamm scheren. Ehrlichkeit werde aber bestraft im Haifischbecken der Illegalen. Lösungen: Fürs Erste plädiert Jochen Dieckmann dafür, die Haltung zum Zustand des Fahrens zu verändern, Langsamkeit zu akzeptieren, mehr miteinander als gegeneinander. Einblick in die Strukturen fördere das gegenseitige Verständnis von Waren- und Individualverkehr. Dieckmann engagiert sich inzwischen auch organisiert für mehr Partnerschaft im Straßenverkehr. Er ist das Gesicht  einer entsprechenden Kampagne „Hand in Hand durchs Land.“ In der Politischen Runde entwickelte er Innenansichten aus der erstaunlich fremden Welt der Trucker. Dem Publikum hat es gefallen.