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2013-2

„Wenn’s knallt, ist es zu spät.“

Jörg Armbruster, ARD-Journalist und Nahost-Korrespondent, der im Frühjahr in Syrien schwer verwundet worden war, erzählte in der prall gefüllten VHS natürlich auch über diese Ereignisse, obwohl er schon längst der stets gleichen Nachfragen in den letzten Monaten ein wenig überdrüssig ist.  Er und sein Kollege Martin Durmhätten schlicht und einfach an diesem Tag das Pech gehabt, ins Visier eines Heckenschützen „der anderen Seite“ in Aleppo in Nordsyrien geraten zu sein. „Die andere Seite“- das ist das Lager von Assad. Der Angriff habe sicher nicht ihm als Person gegolten. Heckenschützen schießen nun einmal auf alles, was sich bewegt. Und er habe dabei Glück gehabt, dass sein Kollege so geistesgegenwärtig seine Arterie abgebunden hat, sonst hätte er sicher nicht überlebt. Jörg Armbruster hat noch immer an den Spätfolgen der Schussverletzung zu leiden, wirkt aber ansonsten schon wieder ziemlich fit und voller Tatendrang. Und: „Die Sorgen, die mein Unfall ausgelöst hat, sind nicht zu vergleichen mit dem, was die Menschen dort in Syrien täglich erdulden müssen.“ Warum er denn nicht einfach weggelaufen sei, als es gefährlich wurde, will Michaela Heiser wissen. „Weil ich berichten will über die Angst, die die Menschen tagtäglich erleben müssen. Ich kenne meine Grenzen genau. Angst habe ich auch, aber man muss mit ihr umgehen.“  Das Publikum spürt: Diesem Journalisten, den sie aus den Tagesthemen kennen,  geht es vor allem um seine Geschichten. Um die „Wahrheit“. „Ich versuche mich der Wahrheit anzunähern, ohne anzunehmen, ich hätte sie herausgefunden. Das geht gar nicht. Wenn Zweifel da sind, müssen sie auch benannt werden.“ Jörg Armbruster sieht die komplexe Problemlage in Syrien sehr nüchtern. Auf die Frage nach den Perspektiven des Landes meint er nur knapp: „Im Grunde haben die Syrer nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.“
Die eine Variante wäre Assad. Man müsse sich aber von der Vorstellung lösen, alles laufe in Syrien über ihn. Der sei selbst in der Hand seines Clans mit höchst eigenen Interessen. Inzwischen sei es zu einer  „Dschihadisierung“ der tief zersplitterten Opposition gekommen und auch deshalb sei von dort wenig Gutes zu erwarten. Zu leiden haben die Menschen im Lande, und die sehen den Westen nicht als hilfreich an. Es fehlt an allem, insbesondere Krankenhausgerät, schweres Räumgerät, um Verschüttete zu bergen oder einfach nur simple Bohrmaschinen. Und die Hilfe aus dem Westen käme überhaupt nicht sichtbar bei den Menschen an. Anders die aus den Golfstaaten, Katar und Kuwait. Deshalb würden diese in der Zukunft einen großen Einfluss in Syrien gewinnen, weil sie ihre Lieferungen mit großem PR-Aufwand betrieben.  Für den Westen sei es inzwischen schon zu spät. Was die Zerstörung der Chemiewaffen denn aktuell bringe, will die Moderatorin wissen. Neben dem Umstand, dass es gut sei, dass sie tatsächlich zerstört werden, sei es vor allem aus der Perspektive Assads von Vorteil, dass für ihn der Krieg nun mit konventionellen Waffen fortsetzbar werde, weil das Arsenal durch den vermiedenen Luftschlag der USA erhalten geblieben sei. Deshalb sei das Regime auf der „Gewinnerseite“, während die Rebellen auf diesen Luftschlag gesetzt hätten. Und die Perspektiven? Der Krieg in Syrien, den beide Seiten nicht gewinnen könnten, werde weiter gehen. Die Region werde instabiler, was vor allem den Libanon beträfe, das sich glücklich schätzen könne, wenn das aktuell instabile Gleichgewicht noch eine Weile fortbestehe. Erste Anschläge gäbe es bereits in der Türkei, und Jordanien „müsste eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden“. Gemeint sind die gewaltigen Flüchtlingsmengen, die ins Land strömen, auf den Arbeitsmarkt drängen und die sozialen Spannungen anwachsen lassen. Eine friedliche Lösung durch Verhandlung der Westmächte, USA und Russland  (Genf 2) hält Armbruster nur dann für vorstellbar, wenn es gelänge, den Iran angemessen mit einzubinden. Jörg Armbrusters Auftritt in der Politischen Runde hat wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende des verheerenden Krieges in Syrien gemacht. Am 25. Oktober erscheint sein neues Buch, und am 31. März 2014 ist der Sendetermin seiner Dokumentation in der ARD, die jetzt –viele Wochen nach dem Überfall- fertig gedreht werden kann. Kein Zweifel: Der Journalist bekommt „wieder Lust auf Nahost“. Er ist sozusagen „zurück“.