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2014-2

Geheimdienste, Germanophobie und Geschichte – Gerhard Seyfrieds Roman “Verdammte Deutsche”

Foto: Achim Hecker © SEH

Etwa eintausend deutsche Spione hätten sich angeblich 1911 in England aufgehalten, um eine militärische Invasion vorzubereiten. So jedenfalls die wilden Gerüchte, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Lande kursierten und ein Klima der Germanophobie, der Deutschenangst, beförderten.

„Verdammte Deutsche!“ heißt denn auch der Roman, um den es in der Politischen Runde ging. Auf den ersten Blick eine Mischung aus Vorkriegsgeschichte, Romantik und Spionage. Aber doch noch weit mehr. Bei genauer Betrachtung ist es auch ein Stück der –in Deutschland eher seltenen- Geschichtsschreibung in Prosaform – mit dem Versuch, die Erlebniswelten und Mentalitäten der Zeit vor 1914 abzubilden. Und –so ganz nebenbei- die Entstehung damals noch schwach entwickelter Geheimdienste zu rekonstruieren.

Das alles auf einmal geht nicht, mag man vielleicht vermuten. Irrtum. Der Autor macht es möglich. Der ist nämlich nicht nur ein inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, sondern auch Historiker. Und im letzten Jahrhundert, in den 80er Jahren, war er einer der bekanntesten deutschen Comic-Zeichner überhaupt. Sein Lieblingsthema: Die linke Alternativszene zwischen Lila Latzhose und sympathischer Systemkritik. Keine westdeutsche Wohngemeinschaft, die auf sich hielt, kam ohne seine Cartoons aus. Er hat das Erscheinungsbild dieser Kultur in ihrer Zeit mit geprägt : Gerhard Seyfried. 

Der Ex-Münchener und Wahl-Berliner mit dem bayrischen Akzent, stattete der Politischen Runde einen Besuch mit Lesung und Gespräch ab und freute sich über eine auf Großleinwand projezierte Auswahl seiner Cartoons aus den 80er Jahren: Bilder mit anarchischem Humor und Liebe zum Detail, die sich manchmal erst auf den dritten oder Vierten Blick erschließen. Kann man vom „Ruhm“  des Comicstars eigentlich  leben? – Kann man nicht. Seyfried erklärt, dass kommerzieller Erfolg als Cartoonist in Deutschland nahezu ausgeschlossen sei. So habe er es zumindest erlebt. Dennoch darf man auf eine Neuauflage seiner Erfolgsbücher hoffen.  

Als Romanautor  interessiert er sich besonders für deutsche Kolonialgeschichte und die Geschichte des Kaiserreichs. Daraus sind erfolgreiche Romane wie »Herero« entstanden, der im ehemaligen Deutsch-Süd-West-Afrika (Namibia) spielt. Oder „Gelber Wind“ zur Zeit des Boxeraufstandes in China. Den Wechsel zum literarischen Genre mit diesen Themen hätte man zunächst kaum erwartet. Wie ist es dazu gekommen? Zufall. Seyfried erklärt, dass ihn ein Namibia-Besuch und die Begegnungen dort praktisch zum Schriftsteller gemacht hätten. Und dann sei er halt dabei geblieben.

„Verdammte Deutsche“: Der Protagonist, Adrian Seiler,  ist ein junger Marineoffizier, der 1911 in die deutsche Botschaft in London versetzt wird und flugs unter Verdacht gerät, für sein Heimatland zu spionieren; er verliebt sich in eine Britin mit deutschen Wurzeln (Vivian Petermann) und verstrickt sich mit der Zeit tatsächlich in geheimdienstliche Aktivitäten. Der Roman spielt in der Zeit des deutsch/englischen Wettrüstens vor dem Ersten Weltkrieg, von dessen Ausbruch schließlich die Protagonisten noch nichts ahnen. Die vielen Deutschen, die in dieser Zeit in England leben, sind für den dortigen Secret Service jedoch allesamt potenzielle Spione. Vivian und Adrian werden ein Paar. Große Liebe. Das bringt beide in Gefahr. Aus der Liebesgeschichte wird ein Spionagethriller. Soweit der Plot.

Seyfried liest zentrale Kapitel des Romans, der sich als Cross Over zwischen Spionageroman, Liebesgeschichte, historischem Vorkriegsroman darstellt. Er ist chronologisch aufgebaut wie ein Tagebuch, historisches Präsens, wechselnde Erzählperspektiven.

Die Erzähltechnik „lebt“ wie schon seine Cartoons von einer ungeheuren Detailfülle und Genauigkeit. Am Schluss wird die „Liebesgeschichte“ so nebenbei im Epilog zu Ende geführt. Glossar, Literatur- und Quellenhinweise schließen das Werk ab.

Reale historische und fiktive Figuren bestimmen die Handlung. Den „Schundautor“ William Le Queux, Gustav Steinhauer, den „Meisterspion des Kaisers“, William Melville, den Secret Service Agenten und brutalen Deutschenhasser, Randolph Drummond, den eher aufgeklärt moderaten britischen Geheimagenten gab es wirklich. Adrian Seiler und Vivian Petermann sind frei erfundene Charaktere, die es so oder ähnlich aber tatsächlich hätte geben können.

Germanophobe Spionage- und Invasionsromane hatten ab 1910 in England Konjunktur. William Le Queux’ Bücher „Spies of the Kaiser“ und „The Invasion of 1910“  und  seine Person spielen im Roman eine wichtige Rolle: Er stellt dar, wie diese Bücher in England zum populären Glauben führen, dass das Deutsche Reich über 5000 Spione in England unterhalten würde, was dazu führte, dass sich sogar der englische Geheimdienst mit diesen offenbar frei erfundenen Behauptungen auseinandersetzte. Le Queuxs (über weite Strecken grottenschlechtes) Buch wurde über 1 Mio. mal verkauft und in 27 Sprachen übersetzt. Er zeichnete das typische Bild des “deutschen Hunnen”: blutrünstig enthemmt, roh vergewaltigend und Kinder massakrierend. 

Wie real war die englische Germanophobie? Kalkül? Paranoia? Die Deutschen zählten seinerzeit zu der größten Zuwanderergruppe in Großbritannien. Bei der Volkszählung im Jahr 1911 bildeten sie mit 53.000 in England und Wales registrierten Personen die zweitgrößte Gruppe nach den russischen und polnischen Zugewanderten, und zu Kriegsausbruch umfassten sie etwa 57.000 Personen. Der britische Historiker Panikos Panayi hat in diesem Zusammenhang zeigen können, wie vor allem die Medien und das rechtskonservative Lager mit ihrer aggressiven germanophoben Rhetorik die Öffentlichkeit anstachelten. Das hatte durchaus reale Grundlagen: Das militaristische aufstrebende deutsche Kaiserreich hatte allmählich den französischen „Erbfeind“ als Bedrohungsfaktor verdrängt. Das Wettrüsten verstärkte den Glauben an eine Gefährdung der globalen britischen Vormachtstellung. Und natürlich spielte eine gewisse Eigendynamik entstehender Geheimdienste (MI5) darüber hinaus eine wichtige Rolle: Wenn es in Wirklichkeit keine deutschen Spione gab, dann wurden sie halt „erfunden“, um den Aufbau des Systems nicht zu stören, so Seyfried.

Foto: Achim Hecker © SEH

Das unbeabsichtigt „In etwas hineinrutschen“ seiner „Helden“ ist das stets wiederkehrendes Thema in dessen historischen Romanen. Das passt offenbar zur aktuellen „Schlafwandler-Debatte“, die Frage nach den Ursachen, nach der „Schuld“ am Ersten Weltkrieg. Seyfried möchte nicht missverstanden werden, kann aber Christopher Clarks These, die europäischen Großmächte seien in den Weltkrieg geradezu „hineingeschliddert“, viel abgewinnen. Von einer deutschen Alleinschuld könne keine Rede sein. Detlef Vonde hielt dem entgegen, dass die oftmals verzerrt wiedergegeben Thesen von Fritz Fischer das niemals suggerieren wollten, dass die Forschungen zum kriegstreiberischen Charakter der deutschen Politik aber wohl weiter Gültigkeit hätten – trotz der erfolgreichen und gerade hierzulande populären Publikationen von Clark, Münkler u.a.

Seyfrieds historiografisches Konzept: Geschichte aus ihrer Zeit heraus verstehen. Diese nicht vom heutigen Standpunkt aus betrachten. Sich hineinversetzen in vergangene Zeiten, ohne dass man schon alles weiß.

Es geht ihm  um das notwendige Quantum Subjektivität in der Geschichtserzählung: Den Blickwinkel der handelnden Personen einnehmen, ohne zu wissen, was kommen wird. So soll der Roman einen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Vorkriegsgesellschaft leisten, ein Stimmungsbild im Vorkriegs-Englands bieten. Das ist zweifellos gelungen.

Sein „historisches Konzept“ zielt auf die Komplexität von Geschichte, die nicht in einfachen Erklärungsmustern aus der Kenntnis der Gegenwart aufgehen kann. Das mag zunächst konservativ historistisch klingen. Ist es aber letztlich nicht, wenn man anerkennt, dass eine Geschichte im Gleichschritt der Faktoren (Vonde) nicht existiert, sondern bestenfalls konstruiert werden kann. Verkappte Geschichtsphilosophie? In jedem Falle sind Seyfrieds Romane vor allem eines: glänzend recherchiert, gut erzählt und ungemein spannend. Und so ganz nebenbei erfährt man, warum damals an Bord von U-Booten gern Opium-Pillen zum Verzehr gereicht wurden: zur Kontrolle des Stuhlgangs.