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2014-2

Am Anfang war die Flucht.

Als Ahmad Karimi vor vielen Jahren fluchtartig seine Heimat Afghanistan verließ, hatte er als einziges Buch den Koran dabei. „Der Koran war meine Heimat.“  Am Anfang war die Flucht, so Überschrift der „Autobiografie“ des heute 35jährigen Professors für Islamwissenschaften in Münster. „Flüchtende haben keinen Begriff dafür, dass sie Flüchtlinge sind. Sie rennen um ihr Leben.“ Die Ankunft in Deutschland war seine Ankunft im Ghetto. Das „Asylantenheim“, wie es damals im „Volksmund“ hieß, hat ohnehin schon geschundene Kreaturen ein weiteres Mal entwürdigt. Diese Erfahrung des Verlorenseins, der Erniedrigung hat Ahmad Karimi mitgeprägt. Sein „Aufstieg“ zum Professor ist sicherlich beispiellos, seine heutige Sicht auf Islam und westliche Welt aber ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den gelingenden interkulturellen Dialog. Die Trennung der „Welten“ (Islam vs. „wir“) hält er für falsch: Ein Aufspalten der „einen Welt“. Sich Wiedererkennen im Anderen, darum gehe es. Osama Bin Laden, „der Inbegriff des Bösen“, sei doch auch „ein Kind unserer Zeit“. Dass er etwas mit uns allen zu tun habe, sei ein schmerzhaftes aber notwendiges Eingeständnis. Ein Dilemma, aus dem man nur „Erlösung finde durch Schönheit“. Diese „Schönheit“ sei zum Beispiel im Koran zu finden. Der Koran sei ein poetisches Werk, ästhetisch, rhythmisch, gereimt. Der Zugang zum Koran verlaufe über Ästhetik, über „Schönheit“.   

Und wie kommt es, dass wir heute auch Angst haben vor etwas „Schönem? Will Moderatorin Michaela Heiser wissen. Es sei die Aufgabe, ein realistisches Bild des Islams zu entwickeln, so Ahmad Karimi. Der Islam sei eine Weltreligion, und zwar eine mit Geschichte, auch eine Geschichte der Gewalt. Diese gelte es aufzuarbeiten. Man dürfe sich keine Angst machen lassen. Und was bedeutet „Osama Bin Laden schläft bei den Fischen“? Das sei ein bildhaftes Zitat aus dem „Paten“ von Mario Puzo, dem Mafia-Roman, der Karimi immer wieder inspiriert. „Bei den Fischen schlafen“, das sei der bildhafte Hinweis für einen Mord, der seinen Abschluss darin findet, dass der Delinquent ins Meer geworfen wurde. Wie es im Roman dem Mafioso Luca Brasi passierte, wie es auch Osama Bin Ladens Leichnam wiederfuhr, der von den Amerikanern im Meer versenkt wurde. „Mord ist keine Option von aufgeklärten Menschen, wir brauchen Gerichtsbarkeit,“ so Prof. Ahmad Karimi. Das gelte auch für jeden „Umgang mit dem Bösen.“ Menschenwürde ist es, um was es geht. Der Islamwissenschaftler gab in der Politischen Runde ein eindrucksvolles Beispiel von der Fähigkeit zur Differenzierung auch in hoch emotional aufgeladenen Problemkonstellationen des interkulturellen Diskurses. Nur so könne der Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften der Welt gelingen. „Einen Sinn für die Komplexität zu entwickeln, das ist die Aufgabe der Universitäten.“ Dorthin hat es Karimi gebracht, der nicht vergessen hat: Am Anfang war die Flucht.