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2012-1

Ein „Bärendienst“ für Bosnien-Herzegowina

Ein „Bärendienst“ für Bosnien-Herzegowina

So sieht die Wuppertaler Schriftstellerin mit bosnischer Heimat, Safeta Obhodjas, den Film von Angelina Jolie. “Er wird alte Wunden wieder aufreißen” in einem Land, das 15 Jahre nach Kriegsende endlich zur Ruhe kommen und seine Probleme angehen müsse. Und davon gibt es reichlich, denn der Friedensprozess nach Dayton 1995 ist wahrlich keine Erfolgsgeschichte: der Prozess der Staatsbildung verläuft schleppend, manche Kritiker bezeichnen ihn als gescheitert. Die politischen Verhältnisse sind unübersichtlich. Die ökonomische Lage im Land mehr als desolat: ein eklatantes Defizit der Leistungsbilanz, galoppierend hohe Arbeitslosigkeit zwischen 40 und 45%, Schattenwirtschaft, illegale Netzwerke, Korruption. Darunter leiden insbesondere die Frauen im Land. Safeta Obhodjas liest aus einem 2011 erschienen Essay und lässt die Frauen aus der bosnischen Provinz zu Wort kommen, die sie interviewt hat. Und die berichten zum Beispiel davon, dass sich die Bildungssituation von Frauen durch die Zunahme der Hochschulen zwar deutlich verbessert habe, dass die Absolventinnen nach ihrem Studium aber zumeist ihre tradierten Rollen in den Familien wieder ein nähmen. Sie berichtet von politischen Strukturen, in denen Frauen praktisch nicht vorkommen, von 80% Jugendarbeitslosigkeit in manchen Städten, wovon die Mädchen am härtesten betroffen seien. Selbst Praktikumsstellen seien nur gegen Schmiergeld zu bekommen, wenn überhaupt. Junge Frauen hofften deshalb stets auf „die gute Partie“ und die schnelle Heirat. Verpuffende Wiederaufbauhilfen aus dem Westen, perspektivlose Jugend, unterdrückte Frauen – was kann dem geschundenen Land in der Zukunft helfen, wo sind die Perspektiven? Zunächst müssten die Grundlagen her: ökonomische Entwicklung und der Aufbau einer auf soziale Gerechtigkeit gegründeten Volkswirtschaft statt einer voraussetzungslos übergestülpten „freien Marktwirtschaft“. Schließlich eine „nationale Entgiftungskur“ zum Abbau der ethno-nationalistischen Machtstrukturen und Konflikte, mehr interkulturelle Begegnung und vor allem Selbstorganisation und Vernetzung der Frauen. Ein authentischer Bericht in Politischen Runde statt Hollywood.